Die Europäische Zentralbank hat 36 Zahlungsdienstleister aus dem Euroraum für die Teilnahme am Pilotprojekt zum digitalen Euro ausgewählt. Aus Österreich sind die Raiffeisen Bank International (RBI) und damit wohl alle bzw. viele Raiffeisenbanken und die BAWAG mit dabei, international unter anderem die Deutsche Bank und die UniCredit. Mehr als 50 Institute hatten sich beworben. Das Pilotprojekt läuft bei der EZB und 19 nationalen Zentralbanken des Eurosystems, soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 starten und zwölf Monate dauern. Getestet wird eine Beta-Version des digitalen Euro, die technisch weitgehend dem späteren Produkt entspricht, aber noch kein gesetzliches Zahlungsmittel ist. Mit einer offiziellen Einführung rechnet die EZB frühestens 2029.
RBI bleibt skeptisch, testet aber mit
Bemerkenswert ist die Positionierung der RBI. Die Bank nimmt am Pilotprojekt teil, hält aber an ihrer grundsätzlich skeptischen Haltung fest, ob ein digitaler Euro aus Sicht der europäischen Souveränität tatsächlich erforderlich ist. Gleichzeitig erkennt sie an, dass der digitale Euro kommt, und will ihn in bestehende Zahlungsangebote integrieren, statt parallele Systeme zu schaffen. Deutlich mehr Begeisterung zeigt die RBI für die private Zahlungsinitiative Wero der European Payments Initiative (EPI), bei der sie im Juni 2026 als Gesellschafter eingestiegen ist. Neben der RBI sind auch die Erste Bank und drei Raiffeisen-Landesbanken als Gesellschafter bei EPI eingestiegen, wie die Initiative am 22. Juni 2026 mitteilte.
Widerspruch zur Raiffeisen-Skepsis kam von der SPÖ-EU-Abgeordneten Evelyn Regner. Österreich liege bei der Abhängigkeit von US-Zahlungsanbietern an der europäischen Spitze, der digitale Euro sei ein zentrales Puzzleteil, um diese Abhängigkeit zu verringern. Eine öffentliche Zahlungsinfrastruktur sei eine echte Alternative zu außereuropäischen Anbietern, die zugleich die Privatsphäre schütze.
Was ist Wero, was ist der digitale Euro?
Auch wenn beide Projekte oft in einem Atemzug genannt werden, handelt es sich um zwei grundverschiedene Konzepte. Der digitale Euro wäre von der EZB ausgegebenes staatliches Geld, also eine digitale Form des Bargelds, nutzbar über eine EZB-App und in der gesamten Eurozone als Zahlungsmittel akzeptiert. Wero ist dagegen ein privates Bezahlsystem europäischer Banken. Technisch betrachtet ist Wero derzeit ein Wallet für bequeme Echtzeitüberweisungen per Handynummer oder E-Mail-Adresse, künftig sollen auch Abo-Zahlungen, Ratenkauf und Zahlungen an der Ladenkasse darüber laufen. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist der Dienst bereits in Frankreich, Deutschland und Belgien verfügbar, der Start in Österreich soll noch 2026 erfolgen. Europaweit zählt Wero über 55 Millionen Nutzer. In Österreich ist die RBI zudem als erster Bank-Acquirer aktiv und ermöglicht Händlern die Akzeptanz von Wero im E-Commerce.
Gemeinsamkeiten
Beide Projekte verfolgen dasselbe übergeordnete Ziel: die Abhängigkeit Europas von US-Anbietern wie PayPal, Apple Pay, Mastercard und Visa zu reduzieren und eine eigenständige europäische Zahlungsinfrastruktur aufzubauen. Der Handlungsdruck ist real, US-amerikanische Anbieter wickelten 2025 schätzungsweise 77 Prozent des digitalen Zahlungsvolumens in der Eurozone ab. Beide setzen auf digitale Zahlungen in Echtzeit, beide sollen im Alltag funktionieren, vom Onlineshop bis zur Ladenkasse, und beide werden von denselben Banken mitgetragen. Die RBI ist das beste Beispiel: Sie ist EPI-Gesellschafter und gleichzeitig Teilnehmer am EZB-Pilotprojekt.
Unterschiede
| Merkmal | Digitaler Euro | Wero |
|---|---|---|
| Herausgeber | EZB, staatliches Geld | Private Initiative europäischer Banken (EPI) |
| Charakter | Digitales Zentralbankgeld, geplant als gesetzliches Zahlungsmittel | Bezahlsystem auf Basis bestehender Bankkonten |
| Status | Pilotprojekt ab zweiter Jahreshälfte 2027, Einführung frühestens 2029 | Bereits live in Frankreich, Deutschland und Belgien, Österreich-Start für 2026 geplant |
| Zugang | Geplant über eine EZB-App | App der eigenen Bank oder Wero-App |
| Funktionsweise | Digitale Form des Euro, ergänzt das Bargeld, Offline-Zahlungen geplant | Echtzeit-Überweisungen von Konto zu Konto, per Handynummer oder E-Mail |
| Motivation der Banken | Teilnahme teils zurückhaltend, RBI äußert offen Skepsis | Aktives Engagement als Gesellschafter und Geldgeber |
Der zentrale Unterschied liegt in der Natur des Geldes. Bei Wero bleibt das Geld, was es immer war: eine Forderung gegenüber der eigenen Bank, die nur schneller und ohne den Umweg über amerikanische Kartennetzwerke bewegt wird. Der digitale Euro wäre dagegen digitales Zentralbankgeld (CBDC), also eine direkte Forderung gegenüber der EZB, so wie Bargeld. Die Abwicklung läuft über die Infrastruktur des Eurosystems und nicht über die klassischen Karten- und Zahlungsschienen. Die Banken sollen zwar als Vertriebspartner die Wallets bereitstellen, das eigentliche Guthaben liegt aber nicht mehr bei ihnen.
Warum die Banken den digitalen Euro fürchten
Damit greift die EZB direkt in das klassische Bankgeschäft ein. Würden Kundinnen und Kunden größere Beträge vom Girokonto in die digitale Geldbörse der EZB verschieben, verlören die Banken Einlagen, mit denen sie heute Kredite refinanzieren. Im Extremfall könnte ein digitaler Euro die Institute im Zahlungsverkehr weitgehend überflüssig machen. Genau deshalb ist die geplante Ausgestaltung restriktiv: Der digitale Euro soll unverzinst bleiben und pro Person mit einer Obergrenze versehen werden, diskutiert wird ein niedriger vierstelliger Betrag. Als Sparprodukt oder Konkurrenz zum Tagesgeld ist er damit bewusst unbrauchbar gemacht. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die RBI beim privaten Projekt Wero als Gesellschafter einsteigt, beim digitalen Euro aber nur mit spürbarer Zurückhaltung mittestet. Wero stärkt das Geschäftsmodell der Banken, der digitale Euro bedroht es.
Die Bankenlobby bremst in Brüssel
Dass die Zurückhaltung der Banken nicht nur in Statements stattfindet, zeigt eine Recherche der deutschen Bürgerbewegung Finanzwende vom April 2026. Demnach traf sich die EU-Kommission während der Arbeit am Gesetzentwurf zum digitalen Euro in den Jahren 2022 und 2023 insgesamt 58-mal mit Vertretern der Finanzbranche, davon 39-mal mit der Bankenlobby. Die Zivilgesellschaft kam im selben Zeitraum auf genau ein Treffen. Die Kampagne der Branche zielt laut dem Report auf eine Schmalspurversion des digitalen Euro ab, die privatem Geld möglichst wenig Konkurrenz macht. Ein Branchenvertreter brachte die Haltung offen auf den Punkt: Man würde es begrüßen, wenn der digitale Euro nicht zu erfolgreich würde.
Finanzwende ist dabei selbst Partei, die Organisation tritt klar für einen starken digitalen Euro ein und wertet die restriktive Ausgestaltung mit Haltegrenze und Unverzinstheit als Erfolg der Bankenlobby und als Risiko für Europas Souveränität. Man kann die Dinge auch nüchterner sehen: Die Haltegrenze ist zugleich das Instrument, das einen destabilisierenden Abfluss von Bankeinlagen in Krisenzeiten verhindern soll, ein Argument, das auch die EZB selbst anführt. Fest steht aber, dass der Verordnungsentwurf in seiner heutigen Form deutlich näher an den Wünschen der Banken liegt als an der ursprünglichen Vision eines vollwertigen digitalen Bargelds. Im zuständigen ECON-Ausschuss des Europaparlaments war die Position zum digitalen Euro im Frühjahr 2026 weiterhin umstritten.
Chancen und Risiken aus Kundensicht
Aus Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten hätte digitales Zentralbankgeld einen handfesten Vorteil: Die EZB kann technisch nicht zahlungsunfähig werden, eine Geschäftsbank sehr wohl. Guthaben am Girokonto ist rechtlich ein Kredit an die Bank und kein gesetzliches Zahlungsmittel, abgesichert nur bis zur Grenze der Einlagensicherung von 100.000 Euro. Ein digitaler Euro wäre dagegen so ausfallsicher wie ein Geldschein. Dazu kommt die geplante Offline-Funktion: Der digitale Euro soll auch ohne Internetverbindung direkt von Smartphone zu Smartphone übertragbar sein, ähnlich wie Bargeld von Hand zu Hand. Wero kann das nicht, weil jede Zahlung eine Echtzeitüberweisung zwischen Konten ist und eine Online-Abwicklung braucht.
Dem stehen die Bedenken der Kritiker gegenüber. Ein staatlich betriebenes digitales Zahlungssystem schafft einen weiteren zentralen Datenpunkt, das Beispiel China zeigt, wie Zentralbankgeld theoretisch zur Verhaltenssteuerung eingesetzt werden könnte. Auch das Szenario, dass in Krisenzeiten Negativzinsen auf Guthaben durchgesetzt werden könnten, ohne dass Ausweichmöglichkeiten bestehen, wird in der Debatte regelmäßig genannt, ebenso denkbare Ablauffristen für Guthaben zur Konsumankurbelung. Die EZB hält dem entgegen, dass der digitale Euro kein programmierbares Geld sein wird, dass Offline-Zahlungen ein bargeldähnliches Maß an Privatsphäre bieten sollen und dass das Bargeld ausdrücklich erhalten bleibt, der digitale Euro es nur ergänzt. Ob diese Zusicherungen im Gesetzgebungsprozess wasserdicht verankert werden, gehört zu den spannendsten Fragen der kommenden Jahre.
Ausblick
Kurzfristig wird Wero das Rennen um die Sichtbarkeit gewinnen. Zahlungen am Point of Sale sind bei Wero für Ende 2026 geplant, während der digitale Euro noch Jahre von der Markteinführung entfernt ist. Langfristig schließen sich beide Systeme nicht aus, sie könnten sich sogar ergänzen: Wero als privatwirtschaftliche Lösung der Banken, der digitale Euro als staatliche Basisinfrastruktur. Für Anlegerinnen und Anleger ist der digitale Euro durch die geplante Haltegrenze und die fehlende Verzinsung ohnehin kein Thema, er wird ein reines Zahlungsinstrument und keine Alternative zu Tagesgeld oder Sparprodukten. Ob es am Ende beide Systeme braucht, wird auch davon abhängen, wie schnell Wero in Österreich tatsächlich flächendeckend verfügbar ist und ob die EZB ihren Zeitplan bis 2029 hält.
Quellen
- help.ORF.at: Digitaler Euro, RBI und BAWAG nehmen an Pilotprojekt teil: https://help.orf.at/stories/3236462/
- news.ORF.at: Bezahldienst Wero, erste heimische Banken steigen ein: https://orf.at/stories/3434064/
- Finanzwende: Wallet Wars, der Kampf der Bankenlobby gegen den digitalen Euro: https://www.finanzwende.de/themen/finanzlobbyismus/lobby-recherchen/wallet-wars-der-kampf-der-bankenlobby-gegen-den-digitalen-euro
- retail.at: Raiffeisen Bank International ermöglicht eCommerce-Händlern die Akzeptanz von Wero: https://retail.at/2026/05/27/raiffeisen-bank-international-ermoglicht-ecommerce-handlern-die-akzeptanz-von-wero/
- Banking.Vision: Wero 2025/2026, der europäische Payment-Motor nimmt Fahrt auf: https://banking.vision/entwicklung-wero-2025-2026/
- Europäische Zentralbank: Informationen zum digitalen Euro: https://www.ecb.europa.eu/euro/digital_euro/html/index.de.html